Bilder 2017 (Auswahl)
 


1  


Hinweis:

Für weitere Informationen zu den Bildern senden
Sie bitte eine Email an: L@wigg-art.de

-------------------------------------------------------------------------------------

   

Texte

  

Zum Gedenken an den Kunstfreund Helmut Schmidt

 

 Am 4. Dezember 2007 habe ich einen Besuchstermin bei Helmut Schmidt. Am Speersort - dem Sitz der Wochenzeitung DIE ZEIT, deren Herausgeber Helmut Schmidt ist - angekommen, fahre ich mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock. Kurze Anmeldung am Empfang; dann geht es mit einem anderen Fahrstuhl in die 6. Etage. Dort hat Helmut Schmidt sein Büro. Frau Schnitzer, die Sekretärin von Helmut Schmidt, wird mir auf einem Gang entgegenkommen. Ich bin zehn Minuten zu früh; mein Termin ist um 14 Uhr. Helmut Schmidt nimmt es mit der Zeit sehr genau, das sagten mir bereits die Damen am Empfang. Herr Schmidt sei gerade erst angekommen, und ihm ginge es heute nicht so gut. Das solle ich wissen. Vielleicht wird mein Bildgeschenk Herrn Schmidt etwas aufheitern, erwidere ich. Vorbei an den Sicherheitsbeamten begrüße ich Frau Birgit Krüger-Penski, die Büroleiterin von Helmut Schmidt bei der ZEIT. Eine Klingel läutet. Sie können jetzt zu Herrn Schmidt, sagt Frau Schnitzer zu mir. 

 

Zu Besuch am Brahmsee, 13. Mai 2017: Wiedersehen mit einem Werk am Originalschauplatz


Mit meinem Bild unter dem Arm betrete ich dessen Büro. Helmut Schmidt sitzt allein hinter einem Schreibtisch; er winkt mich zu sich heran und bittet mich, Platz zu nehmen. Er bricht sofort das Eis, als er mich fragt: "Rauchen Sie eine Zigarette mit mir, Herr Wiggert? Ich habe aber nur diese Menthol-Zigaretten, wenn Ihnen das nichts ausmacht." "Ich bin Gelegenheitsraucher, und rauche ganz gern mal eine", antworte ich. Ich nehme mir eine Zigarette aus einer Dose, auf die Helmut Schmidt zeigt. Er zündet die Zigarette an, als ich sie zu den Lippen führe. "Ich bin noch etwas erschöpft, ich bin vor einigen Tagen aus den USA zurück gekommen und habe den Jetlag noch nicht ganz überstanden", sagt er mit freundlichem Nachdruck. In New York hatte ich etwas Zeit und habe eines meiner Lieblingsbilder im Metropolitan Museum aufgesucht. Ich frage nach: "War es vielleicht die Gewitterlandschaft von El Greco, ich habe in Ihrem Buch Weggefährten davon gelesen?" "Genau die", sagt Helmut Schmidt und lächelt. Ich befrage ihn zu den frühen künstlerischen Einflüssen, die sein Zeichenlehrer an der Hamburger Lichtwarkschule, Jonny Börnsen, auf ihn ausgeübt hat. "Börnsen war wichtig für mich", antwortet er und fügt an: "Noch mehr aber meine Mutter. Sie zeigte und erklärte mir Bilder von Paula Modersohn-Becker, die heute ein Vermögen wert sind. Und die Bilder von Otto Modersohn natürlich auch." "Die Malweise von Otto Modersohn habe ich etwas nachgeahmt, als ich am Brahmsee gemalt habe", ergänze ich. "Haben Sie nur am Brahmsee gemalt oder in ganz Schleswig-Holstein?" "Nur bei Ihnen am Brahmsee; es sind bis heute etwas über siebzig Bilder entstanden." "Oha", antwortet Helmut Schmidt. "Als ich dort malte, habe ich die Farbpalette Modersohns teilweise übernommen, ohne, dass es mir bewusst war. Wenn Sie mögen, möchte ich Ihnen das Bild, das ich mitgebracht habe, als Präsent überreichen. Als Dank dafür, dass Sie mir die Erlaubnis erteilt haben, an ihrem Sommersitz am Brahmsee zu malen." "Dann packen Sie es mal aus", fordert Helmut Schmidt mich auf. Ich stelle das Bild gegen eine Bücherwand; der Kanzler a. D. dirigiert: "Etwas weiter nach rechts, gut, und jetzt noch etwas zur Seite kippen. So ist es gut." Helmut Schmidt betrachtet das Bild, steckt sich eine zweite Zigarette an, überlegt und sagt: "Es könnte der Blick von der Seeterrasse in nordwestlicher Richtung sein." "Ich habe beim Malen an das jenseitige Ufer gedacht", antworte ich. Haben Sie, als Sie dort waren, auch Vögel gesehen?", möchte Helmut Schmidt wissen. "Nein, warten Sie, doch! Als ich das erste Mal mit Herrn Heuer, Ihrem ehemaligen Sicherheitsbeamten, dort gewesen bin, habe ich ein Schwanenpaar gesehen." "Es gibt am Brahmsee – der durch einen Todeis-Gletscher geformt wurde – über dreißig verschiedene Vogelarten", erklärt Helmut Schmidt. "Ich habe nur bemerkt, dass Ihr Bootssteg vom Vogelmist ziemlich verdreckt war", ergänze ich. "Wissen Sie, was für Vögel das waren?", fragt er mich. "Nein", antworte ich. "Das waren einfache Enten, die konntet ihr aber nicht sehen, weil ihr die aufgescheucht habt, als ihr dort aufgetaucht seid." Helmut Schmidt grinst. Ich überlege einen Augenblick und antworte: "Dafür habe ich vor Ihrer Seeterrasse, im Gras, eine Schlange gesehen." "Was war es denn für eine, möchte Helmut Schmidt wissen. Wir vermuten, dass es eine Blindschleiche oder eine Kreuzotter gewesen ist. "Eine Kreuzotter ist sehr unwahrscheinlich, es wird eine Blindschleiche gewesen sein, ist sich Helmut Schmidt sicher."Ich würde sie gern etwas Triviales fragen", sage ich. "In Ihrem Erinnerungsbuch Weggefährten erzählen Sie, dass sie zweimal auf dem Brahmsee mit ihrem Segelboot, der Conger-Jolle, gekentert sind. Einmal sind Sie sogar auf Grund gelaufen. Wie geht das auf einem See, der durchschnittlich zehn Meter tief ist?" Helmut Schmidt lacht. "Das war nicht im Brahmsee, das war direkt nebenan, im Wardersee. Der ist nicht so tief, aber es war damals April, das Wasser noch eiskalt und ich habe mich nicht getraut, die 250 Meter bis zum Land zu schwimmen. Diese Strecke würde ich heute noch schwimmen, aber nicht bei der Kälte", sagt er und fügt an: "Wenn Schnee liegt am Brahmsee, und dieser zugefroren ist, das war so in dem Winter, als meine Frau und ich dort hingezogen sind, 1958, dann bekommt der See ein ganz anderes Aussehen. Die Landschaft sieht dann graphisch aus, keine Farbigkeit, nur Schwarz-Weiß." Nach diesen Worten fasse ich den Entschluss, noch einmal an den Brahmsee zurückzukehren, falls dieser zufrieren sollte.

 

"Bei meinen Besuchen am Brahmsee ist mir aufgefallen, dass die Fischer in ihren Booten immer erfolgreich waren." Helmut Schmidt fragt nach: "Meinen Sie Fischer oder Angler?" "Ich meine die Angler, die jedes Mal, wenn ich dort war, einen größeren Fisch, ich vermute einen Hecht, gefangen haben." "Das muss Zufall gewesen sein", sagt Helmut Schmidt und erklärt: "Der Brahmsee hat nur wenig Fischbestand, in der Mehrzahl Weißfische. Das liegt am Grund, der ist sandig. Fische können sich dort nicht so richtig vermehren. Ganz früher gab es dort sogar Lachse, Aale gibt es noch heute. Den Aal bekommen Sie in Warder noch heute frisch serviert, aber die werden immer dünner. Das ist mir kürzlich erst aufgefallen, als meine Frau und ich dort essen waren."

"Ich habe früher in Finnland gemalt." "Wo denn da?", fragt Helmut Schmidt. "Das Dorf ist sehr klein, vielleicht fünfzig Einwohner auf einer riesigen Fläche verteilt; es liegt in der Nähe von Karelien und heißt Konnuslahti. Ich hatte einige Jahre eine finnische Freundin, und so habe ich dort die Gelegenheit zum Malen genutzt. Die Eltern meiner damaligen Freundin kamen als Flüchtlinge aus Karelien, das die Russen im Winterkrieg ..." "1940 muss das gewesen sein", fügt Helmut Schmidt ein, – "annektiert hatten." Helmut Schmidt fährt fort: "Die Böden in Finnland sind für die Landwirtschaft nicht so gut geeignet; eher für die Holzwirtschaft und natürlich die Fischerei. Ich habe im Sommer 1966 mit meiner Familie eine Reise mit dem Auto – am Steuer meines Opel-Rekord – durch Russland bis nach Finnland unternommen. Wir waren froh, als wir in Helsinki ankamen, dort wurden wir nicht mehr bespitzelt. Die Finnen waren damals ein genügsames Volk", erinnert sich Helmut Schmidt "und viele Menschen – zumindest die in meinem Alter – sprechen heute noch russisch." Er greift zur Schnupftabakdose, nimmt einen Zug daraus und sagt: "Was die Finnen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus eigener Kraft aufgebaut haben, das ist eine Glanzleistung. Die haben das besser gemacht als wir nach der Wiedervereinigung."

Ich ergänze, dass die Finnen eine besondere Technikbegeisterung haben, die es in Deutschland so nicht gibt. So hat es um die Jahrhundertwende in Finnland bereits hundert Telefongesellschaften gegeben, sage ich. "Aber die Technik dafür kam aus Stockholm", gibt Helmut Schmidt zu bedenken. "Das weiß ich nicht", antworte ich, "aber ich glaube, dass die Abgeschiedenheit auf dem Lande die Technikfreundlichkeit befördert hat." "Das ist auch richtig, aber die Technik dazu kam aus Stockholm", stellt Helmut Schmidt noch einmal fest und fügt an: "Den Winterkrieg haben die Finnen tapfer überstanden. Die Russen waren völlig überrascht, dass der Finne so standhaft blieb, damit haben die überhaupt nicht gerechnet." Ich füge ein, dass ich davon gehört habe, dass der finnische Technologieriese Nokia vor einigen Jahren durch den Krieg verlorene Gebiete Kareliens von den Russen zurückkaufen wollte. "Das wird der Russe aber nicht zulassen", ist sich Helmut Schmidt sicher. "Wieviel Kilometer sind es von Helsinki bis zum Haus ihrer damaligen Freundin?", möchte er wissen. "Ich schätze es sind 300 Kilometer in Richtung Nordost", sage ich. "Also ein Viertel der Strecke bis zum Nordkap", überschlägt Helmut Schmidt und fragt: "Ist der Vater Ihrer damaligen Freundin den Russen noch nachtragend wegen der Vertreibung aus Karelien?" "Ja, das war er seinerzeit", antworte ich. "Das sollte er nicht mehr sein", sagt Helmut Schmidt mit milder Stimme, "denn der Aufstieg Finnlands nach dem Zweiten Weltkrieg ist überaus gelungen. Ist Karelien ganz zugehörig zu Russland oder ist die nördliche Region Kareliens ein Teil Finnlands?", möchte er noch von mir wissen. Dies kann ich jedoch leider nicht beantworten; ich verspreche Helmut Schmidt, dass ich mich erkundigen werde. Helmut Schmidt schaut auf den Stapel Papiere, der zu seiner linken den Tisch ausfüllt, - und zündet sich eine dritte Zigarette an. Einen Moment lang überlege ich, ob ich ihn um eine weitere Zigarette bitte, unterlasse es dann aber. Direkt vor ihm liegt mein Schreiben mit Eingangsstempel, auf das er blickt, dann sagt er: "Herr Wiggert, ich möchte mich für Ihr Bild bedanken. Es wird in meiner Bibliothek einen Platz bekommen." Ich bin erleichtert und antworte: "Ich hatte schon befürchtet, dass Sie zu Hause keine Wände mehr frei haben." Helmut Schmidt lächelt. Unser Haus in Langenhorn ist voller Bilder, das ist richtig. Von Nolde habe ich mehrere Arbeiten, von Modersohn-Becker auch einige. Otto Modersohn habe ich als junger Mann noch kennengelernt."


Ich frage, ob er mit dem Sohn Otto Modersohns, dem Maler Christian Modersohn, noch Kontakt pflegt. Wenig, sagt Helmut Schmidt und fügt an, dass dieser schließlich noch älter sei als er. Wenn Christian eine größere Ausstellung habe, dann komme er zur Eröffnung. Ich möchte unbedingt noch wissen, ob Helmut Schmidt den englischen Maler William Turner schätzt, mein Vorbild in der Malerei. "Der ist großartig", sagt er mit Bewunderung in der Stimme; er blickt dabei aus dem Fenster und ergänzt: "Turner ist ein Meister des Lichts gewesen. Er konnte auch Figuren malen und ist unserem Caspar David Friedrich weit – mindestens dreimal – überlegen." Ich stimme Helmut Schmidt zu. "Wenn Sie einmal nach Norwegen kommen", sagt er, "schauen Sie sich in Bergen das Edvard Munch-Museum an. In Norwegen gibt es zwei Häuser, die miteinander konkurrieren, die aber nicht so gut bewacht sind. Deshalb werden da immer mal wieder Bilder rausgetragen. Aber die Museen sind sehenswert." Ich erwähne abschließend, dass ich auf der Rückseite des Bildes eine Widmung verfasst habe und zeige ihm diese. Als ich sie vorlesen möchte, hat er sie bereits gelesen und fragt mich, was denn die Leinwand kosten würde. Ich antworte: "Das sind für diese Größe zwischen acht und zehn Euro, die werden heute in China produziert, aber die deutsche Qualität ist besser." "Acht Euro mit Keilrahmen", wiederholt Helmut Schmidt etwas ungläubig und sagt: "Ich würde mich zur Verabschiedung gern erheben, ich schaffe das heute leider nicht. Sehen Sie es mir bitte nach." Wir reichen uns die Hände. Ich bedanke mich herzlich für das Gespräch. Als ich schon an der Tür bin kehre ich noch einmal um und wünsche ihm, wenige Wochen vor seinem 89. Geburtstag, weiterhin gute Gesundheit.


Lars Wiggert


Hamburg, 5. Dezember 2007